INTERVIEW

Vorteile durch Meeresschutzgebiete

Der Mallorquiner Xavier Pastor ist ein bedeutender Umweltschützer: Der Meeresbiologe und Forscher war Präsident der GOB, Geschäftsführer von Greenpeace Spanien und den Umweltorganisationen Marviva und zuletzt bei Oceana Europa.
Juan Poyatos

Heute ist Xavier Pastor im Ruhestand, aber weiterhin für ein sauberes Meer aktiv. In einem Interview erklärt er, wie die Inseln von erweiterten bzw. neuen Meeresschutzgebieten profitieren würden und wie ein nachhaltiges Tourismusmodell der Zukunft aussehen könnte.



- Was ist das Ziel von Oceana für die Balearen?



Ich spreche ja nicht mehr im Auftrag von Oceana, das ist wichtig zu bedenken. Aber das Ziel, das ich damals für die Organisation entwickelt habe, lautete, aus den Balearen ein globales Beispiel für die denkbar beste Meeresführung in einer sehr von Menschen be-stimmten Gegend zu machen. Rund 40 Prozent des Meeres sollten Schutzgebiete und das Management von Freizeit- und Berufsfischerei verantwortungsvoll und nachhaltig sein. Um dies durchzusetzen, sollte man sich vor allem strikt an die Gesetze halten.



-In welchen Gegenden werden neue Schutzgebiete geschaffen bzw. erweitert?



Wir sprechen ja sehr allgemein von Meeresschutzgebieten, ein-schließlich der Gebiete, in denen geangelt werden darf und auch über die National- und Naturparks und die „LICs“ („Lugares de Interés Común“, z. dt. „Orte von allgemeinem Interesse“) des Natura2000-Netzwerks der Europäi-schen Union. Jede einzelne Ausweisung hat verschiedene Schutzebenen und ermöglicht bzw. regelt verschiedene Aktivitäten. Die größten Meeresschutzgebiete sollten die Erweiterung des Cabrera-Nationalpark werden, am Kanal von Menorca und am Nationalpark des Balearischen Unterwassergebirges im Kanal zwischen Mallorca und den Pitiusen. Darüber hinaus sollten Schutzgebiete erweitert, bzw. neue in Sa Dragonera, Calvià, Tagomago, Formentera, an der Costa Nord, der l’Illa de l’Aire und im Norden Menorcas geschaffen werden.



-Welche Vorteile bietet ein Meeresschutzgebiet? Warum sollte es mehr davon werden?



Die Vorteile von Schutzgebieten für die Erholung der Meeresöko-systeme und Fischbestände sind wissenschaftlich mehr als belegt. Alle Fischer, ob Berufs- oder Freizeitfischer, erleben dies täglich und wissen das zu schätzen. Deshalb gibt es eine wachsende Nachfrage nach der Einrichtung neuer Schutzgebiete von den Fischern selbst und von verschiedenen Yachtclubs. Das ist auch von Vorteil für den Tauchtourismus und den Nautiktourismus. Diese Art von Tourismus gehen weit über Sonne, Strand und Saufgelage hinaus und verlängern die Tourismussaison, setzen aber einen guten Umweltzustand des Meeres mit reichlich viel Leben im Wasser voraus.



-Sicherlich sind Kosten mit der Einrichtung von Meeresschutzgebieten verbunden. Woher soll das Geld kommen?



Jede Initiative benötigt Investitionen. In diesem Fall insbesondere für die Überwachung. Das ist nicht übermäßig teuer. Werfen wir einen Blick auf die Kosten- Nutzen-Kalkulation einer solchen Investition. Dazu drei Beispiele: Eines mit viel Geld: Der Nationalpark des Great Barrier Reef in Australien ist 330.000 km2 groß, die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr betragen 2.500 Mio. Euro und schaffen 60.000 Arbeitsplätze. Jetzt ein bescheidenes Beispiel: das Schutzgebiet der Illes Medes in Katalonien ist 3 km2 groß, generiert 6 Mio. Euro und schafft 180 Arbeitsplätze. Und noch ein Beispiel dazwischen: Die Florida Keys sind 10.000 km2 groß, schaffen 2.200 Mio. Euro und bieten 33.000 Arbeitsplätze. Und nun ein Beispiel ganz in der Nähe: die Schutzgebiete von El Toro und den Malgrats werden von sieben dort zugelassenen Tauchschulen mit allein in diesem Jahr 20.000 Tauchgängen genutzt, ohne dass die Hoteleinnahmen, ergänzenden Dienstleistungen und Vorteile für die Fischer mitgerechnet wurden. Das Schutzgebiet wird gar nicht richtig ausgewertet. Ein Gesamtvolumen von 10.000 km2 Meeresschutzgebiet wäre für die Balearen ein vernünftiges Ziel, wobei man sich aufs Sporttauchen und Segeln in diesen Gegenden von hohem ökologischen und landschaftlichen Wert spezialisieren könnte. Die investierten öffentlichen Gelder könnten perfekt aus der Ökosteuer stammen und würden sich schnell und mit hoher Rentabilität regenerieren.



-Wie denken Sie über die Ankerbojen?



Sie sind schlichtweg eine unvermeidliche Folge der Überbelegung. Als es noch gut tausend Boote gab, waren sie nicht erforderlich, genauso wie es in Palma keine Parkgebühren gab, als es nur tausend Autos gab. Aber heutzutage befahren etwas zwanzigtausend Boote unsere Küsten, und die meisten wollen in mehr oder weniger denselben Gegenden ankern. Das Problem hat zwei Aspekte. Erstens ist die Posidonia seit 2011 geschützt, man darf also nicht auf dieser Pflanze ankern. Wer das trotzdem tut, muss mit einer Strafe rechnen. Die einzige Lösung für dieses Problem ist die Nutzung von „grünen“ Bojen. Das zweite Problem entsteht, wenn Hunderte von Booten in Buchten und an den Stränden im Sand ankern wollen, was schlichtweg die vorhandenen Kapazitäten überschreitet. Damit bringen sich die Boote gegenseitig in Gefahr, stören sich und viel zu oft verschmutzen sie auch noch das Wasser. Auch in diesen Fällen wird es notwendig sein, das Ankern zu regulieren. Meiner Meinung nach sollten die eingerichteten Bojen Allgemeingut sein, von der öffentlichen Hand verwaltet und von der Ökosteuer finanziert werden, und das bei einem so gering wie möglich gehaltenem Preis für die Nutzer. Das sollte ein Service sein, der sich selbst finanziert, ohne die Haushalte der Gemeinden zu belasten, aber auch ohne jemandem finanzielle Vorteile zu bringen. Ich bin absolut gegen die Privatisierung dieses Service durch die Lizenzvergabe an Unternehmen.



-Wie sollte das Modell des Tourismus für die Inseln aussehen?



Meiner Meinung nach ganz anders als heute, aber durchaus machbar. Vor allem sollten die – wenn auch beschädigten – Werte von Natur, Landschaft und Kultur wiederbelebt werden, denn noch sind sie nicht verloren. Die für alle unerträgliche Überfüllung sollte mit steigenden Preisen verhindert werden, so dass eine bestimmte Art von Touristen gar nicht mehr kommt, sondern von einem wohlhabenderen Segment mit einem höheren kulturellen Niveau ersetzt wird. Das würde den Umsatz bei gleichzeitiger Reduzierung der Besucheranzahl gleich halten. Die Ökosteuer ist eine positive, aber nicht ausreichend weit gehende Initiative in die richtige Richtung. Was wir brauchen sind ein Kongresstourismus, ein Familientourismus, Radfahrer, Taucher, Wanderer, Vogelbeobachter, etc.... all sie könnten die Hooligans in unseren Hotels, die nur Sonne, Sand und Saufgelage wollen, ersetzen. Ich denke, wir sollten ein Maximum von 8 bis 9 Millionen Touristen pro Jahr nicht überschreiten. Der nautische Tourismus belegt in diesem Modell einen sehr wichtigen Platz. Aber bis dahin sollte man nicht immer neue und noch mehr Ankerplätze schaffen und eine damit verbundene Zerstörung der Küste und eine Überfüllung vermeiden. Die Nautiktouristen werden weder durch Bojen noch aufgrund der Schutzmaßnahmen für die Posidonia vertrieben, sondern durch die Überbelegung, die Schäbigkeit der Anlegestellen und durch die Wasserverschmutzung verjagt.


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