REPORTAGE

Unentdecktes Kulturerbe

Auf dem Grund balearischer Gewässer liegen die Reste von ca. 2.000 untergegangenen Schiffen
Juan Poyatos

Schätzungsweise liegen auf dem Grund balearischer Gewässer die Reste von 2000 untergegangenen Schiffen. Römer, Phönizier, Karthager, Türken, Griechen und andere mediterrane Kulturen segelten Jahrhunderte lang durchs balearische Meer, unzählige Menschen verloren dabei ihr Leben. Ihre strategisch günstige Lage machten die Inseln stets zum Anziehungspunkt für große Kriegsflotten, Handelsschiffe, Piraten und Abenteurer.



Auf den Balearen gibt es (soweit man weiß) keine versunkenen Schiffe mit Kisten voller Gold. Die mit Schätzen aus Amerika beladenen spanischen Schiffe, kreuzten von der Karibik aus den Atlantik und gingen normalerweise in Cádiz oder in Gibraltar vor Anker, sehr selten nur betraten sie das Mittelmeer. Aus diesem Grund gibt es in den hiesigen Gewässern keine Schätze in Form von Gold. Es gibt aber einen riesigen Schatz in Form historischen Kulturerbes. Leider wurde auch in diesen Resten viel geplündert.Tausende, vielleicht zehntausende Amphoren und andere Reliquien wie Kanonen und Anker wurden unkontrolliert aus dem Wassergehoben, um als Souvenir verkauft zu werden, oder um mit ihnen Gärten, Restaurants und Hotels zu dekorieren. Eigentlich ist das gesamte Kulturerbe gesetzlich geschützt und die Hebung strengstens verboten. Es ist Aufgabe der öffentliche nInstitutionen, die Relikte zu untersuchen und zu katalogisieren.  



Aus Sicht des Sporttauchens, das nach beeindruckenden Bildern und Erfahrungen sucht, sind die Reste der antiken Wracks kaum interessant. In den meisten Fällen sieht man auf dem Grund nichts weiter als einige verstreute Steine. Die Bootsrümpfe waren aus Holz, das natürlich im Laufe der Jahrhunderte verrottete und daher praktisch verschwunden ist. Teile, die dem Lauf der Zeit widerstehen konnten, wurden „entfernt“. Die modernen Wracks des 20. Jahrhunderts hingegen sind für Taucher sehr interessant. Sie sind im Gegensatz zu den Wracks der vorigen Jahrhunderte gut erhalten und dadurch weitaus imposanter. Die großen Schiffe des 20. Jahrhunderts wurden normalerweise aus Eisen gebaut, und befinden sich erst relativ kurze Zeit unter Wasser. Dadurch hat sich ihr Material und ihre Form gut erhalten, was sie für Sporttaucher attraktiv macht.



Das 20 Jahrhundert, von Ken Follett als „Winter der Welt“ bezeichnet, ist die Epoche in der Menschheitsgeschichte, in der sich die meisten Umwälzungen, Revolutionen, Kriege und Tragödien abspielten. In den Gewässern der Balearen ist die Geschichte diesen Jahrhunderts wie eingraviert. Wenn man die hiesigen Wracks untersucht, kann man alle Etappen des 20. Jahrhunderts, Handel, Kriege, Transporte, Einflüsse und Konsequenzen analysieren.



In Menorca fuhr das Dampfschiff Malakoff, ohne Elektronik, Radar und GPS, 1929 in einer Nacht mit gutem Wetter auf einen Felsen auf. Es sank und nahm ungefähr zwanzig Personen mit sich auf den Meeresgrund.  Vor Soller liegt das spanische U-Boot C4, eingesetzt im Bürgerkrieg und traurige letzte Ruhestätte seiner 44 Besatzungsmitglieder. Ein deutsches Patroullienboot aus dem zweiten Weltkrieg ruht auf demGrund der Bucht von Palma, ohne dass jemand wüsste, wie es dorthin gekommen ist. Es wird erzählt, dass mehrere Flugzeuge der Luftwaffe hier untergegangen sind. Ein spanisches Wasserflugzeug, das in der Nachkriegszeit Post zwischen Valencia und Mallorca hin und her transportierte, liegt südlich der Insel Dragonera. Die Reste des deutschen U-Boots, dessen Spur sich 1945 in der Nähe von Ibiza, vor der Insel Tagomago verlor, konnten noch nicht lokalisiert werden. Die Mannschaft gelangte nachts in Rettungsbooten an einen Stand von Santa Eulalia, nur der Kapitän und der erste Maschinist fehlten. Es heißt, sie blieben im sinkenden Boot zurück, da es ihnen unmöglich war, nach Deutschland zurückzukehren. Vor dem Kap Formentor in Mallorca ruhen mehr als 100 Meter tief zwei italienische Torpedoboote, die Pegaso und die Impetuoso. Siewurden von ihren eigenen Kapitänen versenkt, um zuverhindern, in Feindes- oder Verbündetenhand zu fallen. Zur Zeit des zweiten Weltkriegs geschah im Kanal von Menorca die größte Seetragödie in der Geschichte der Balearen. Das französische Passagier- und Frachtschiff Lamoricière von mehr als 100 Metern Länge sank in einem heftigen Sturm mit mehr als 300 Menschen in seinem Inneren. Der starke Gegenwind und Wellen von über zehn Metern, schalteten die Motoren des Schiffes ab, als es einemanderen Boot, das ein Notsignal gesendet hatte und ebenfalls sank, zur Hilfe eilen wollte. Rettungsboote wurden zu Wasser gelassen, sie konnten den riesigen Wellen jedoch nicht standhalten. Auch mehrere Fischerboote liegen auf demGrund dieser Gewässer. Sie sind Zeugen der harten und gefährlichen Arbeit, die Seeleute der Balearen täglich auf sich nehmen. Das Fischerboot Ana Rosa endete auf demMeeresgrundbei Cabrera, nachdem es von einem Frachtschiff gerammt wurde. Sechs Seeleute kamen dabei ums Leben. Das Fischerboot Isla del Sol stieß mit einem Segelboot zusammen. Beide liegen heute auf demGrund der Bucht von Palma. Vor dem Dique del Oeste (Westdamm) von Palma gibt es zwei Wracks, die sich fürs Tauchen sehr gut eignen. Es sind zwei Frachtschiffe von mehr als 50 Metern Länge. Sie wurden versenkt, um den Wellenaufprall auf den Damm abzubremsen. Diese zwei Boote sind die einfachsten und interessantesten Wracks zumTauchen auf Mallorca. Sie sind nicht gefährlich, liegen etwas mehrals 20 Meter tief und sind sehr gut erhalten. In den achtzigerJahren wurde das spanische U-Boot B1 während eines Manövers absichtlich versenkt, da es von der spanischen Kriegsmarine ausgelistet wurde. Es befindet sich heute etwa 50 Meter tiefvor der Küste von Alcudia und ist einer der bestenTauchgänge des Mittelmeers – wenn auch in 50 MeternTiefe.



Der Schiffbruch des größten in jüngster Zeit versunkenen Schiffes, geschehen imJahr 2007 zuBeginn des 21.Jahrhunderts, zeigtdeutlich, dass Technologie und Elektronik einen guten Steuermann noch immer nicht ersetzen können.In der Nacht des 11.Juli 2007 stieß das Frachtschiff Don Pedro, 156 Meter lang, ausgestattet mit Elektronik, Radar und GPS und beladen mit LKWs und Containern, auf einen über der Wasseroberfläche ausgezeichnet sichtbaren und in allen Seekarten eingezeichneten Felsen. Kurz nachdem das Schiff um 3.30 Uhr aus demHafen von Ibiza ausgelaufen war, rammte es besagten Felsen und versank in kürzester Zeit.Das einzigeTodesopfer war ein Pferd, das im Frachtraumtransportiert wurde. Mehrere LKW-Fahrer und die Mannschaft wurden ohne große Schwierigkeiten gerettet. Die Don Pedro befindet sich seither für immer auf demMeeresgrund, in etwa 45 Metern Tiefe. Der Grundfür dieses Unglück ist bis heute unbekannt. Das Frachtschiff liegt auf seiner Backbordseite und man kann das große Loch sehen, das der Felsen in die Seitenwandriss. Berufstaucher entfernten den Treibstoff und die enormen Batterien und nacheinigen Monaten wurde das Wrack fürSporttaucher freigegeben. Obwohl es in einer gefährlichen Durchfahrtszone liegt, wurden vier Ketten am Wrack angebracht, an denen die zahlreichen Tauchzentren, von denen es heute besucht wird, ihre Motorboote festbinden können. Es ist kein schwieriger Tauchgang, natürlich ist es strengstens verboten, ins Schiff hineinzuschwimmen, doch machen der Schiffsverkehr und scharfe Metallkanten die Sache kompliziert. Heute ist die Don Pedro das größte Wrack des Mittelmeers, das Taucherbesichtigen können. Noch gibt es nicht viel Leben zwischen ihren Resten und die gelbe Farbe des Schiffsrumpfes ist noch gut zu erkennen. In einigen Jahrenwird das Wrack aber wahrscheinlich Lebensraum fürMeeraale, Zackenbarsche, Geißbrassen, Barrakudas, Schwämme, Nacktkiemer und Mikroorganismen sein und ein eigenes Ökosystembeherbergen.



Untergegangene Schiffe werden schnell von Fischen, die sich gewöhnlich in Felsen- und Höhlenverstecken, bevölkert. So schaffen Wracks Lebensräume und kompensieren zumindest teilweise den ökologischen Schaden, den sie verursachen.


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