REPORTAGE

Die dunkle Geschichte der kleinen Insel Cabrera

In diesem Jahr jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem Cabrera zum Nationalpark erklärt wurde.
PEPE QUIROGA

Der kleine Archipel südlich von Mallorca ist eines der letzten unberührten Paradiese im Mittelmeerraum, doch das war nicht immer so. Der Journalist Pepe Quiroga erinnert an die dunkle Geschichte von Cabrera, als die Insel als Lager für französische Gefangene nach der Niederlage Napoleons in Bailen missbraucht wurde:



Bekannterweise wird die Geschichte stets von den Siegern geschrieben, und aus diesem Grund finden wir in den Büchern in der Regel keine Tatsachen, die den Sieg überschatten könnten. Einer der unrühmlichsten Fälle dieser Art ist die Verschleierung der unmenschlichen Bedingungen, die Tausende von französischen Gefangenen vor zweihundert Jahren auf der fünften Balearen-Insel, der Insel Cabrera, erleiden mussten.



Diese düstere Episode geschah während des Unabhängigkeitskrieges, in dem sich das spani-sche Volk gegen die französischen Eindringlinge erhob und dabei von den britischen Truppen unterstützt wurde. Es handelt sich um die grausame Gefangenschaft von ca. 14.000 napoleonischen Soldaten, die in der Schlacht von Bailen und während der Belagerung von Cadiz gefangen genommen wurden, und von denen nur etwa 3.000 überlebten.



Die Gefangenen kamen aus Sanlúcar de Barrameda, wo sie in entmasteten Schiffen wie in schwimmenden Gefängnissen gehalten wurden. Im April 1809 erreichten 16 dieser Schiffe Mallorca, nachdem ein Abkommen für einen Gefangenen-austausch gescheitert war. Der Grund war die Weigerung von Napoleon Bonaparte, die Soldaten aufzunehmen, die er für seine erste Niederlage in Europa verantwortlich machte.



Durch diese Tatsache sah sich die spanische Armee gezwungen, die Soldaten auf die Kanarischen Inseln und auf die Balearen zu bringen. Die Ersteren hatten mehr Glück und blieben am Leben, wobei sich sogar viele auf den Kanaren niederließen und mit der Bevölkerung vermi-schten. Ganz im Gegenteil zu denen, die nach Mallorca gebracht wurden, und wo sich die Bevölkerung weigerte, die Gefangenen mit Ausnahme einiger Offiziere aufzunehmen.



Aufgrund dieser Weigerung der lokalen Bevölkerung wurden die Gefangenen nach Cabrera gebracht, auf ein kleines Inselchen von nur 17 Quadratkilometern und komplett unbewohnt.



So blieben sie Gefangene durch die Isolierung der Insel selbst. Völlig am Ende durch Müdigkeit, Hunger, Durst und Krankheiten wurden Tausende von Soldaten hier einfach abgeladen und ihrem Schicksal überlassen. Es gab keine Unterkünfte und keine Chance, etwas Essbares anzubauen. Erst nach drei Tagen kam ein Schiff vorbei, um Nahrung zu bringen, doch an Bord waren nur verschimmeltes Brot und Bohnen.



Die bröckelnden Überreste des alten Schlosses wurden von den Franzosen etwas hergerichtet, um die Schwerstkranken unterzubringen. Es vergingen Monate und die Lebensmittelversorgung wurde immer unberechenbarer. Wochen verstrichen, in denen gar nichts ankam. Ein verhängnisvolles Warten, bei dem die Hungersnot immer schlimmer wurde und die Gefangenen nur noch zusehen konnten, wie ihre eh schon skelettartigen Körper immer weiter abmagerten. Sie verloren das Zeitgefühl für die Tage, die Monate, ja sogar die Jahre.



Einige versuchten zu entkommen, indem sie alleine los schwammen, doch sie wurden von den Wachen erschossen. Die erste große Fluchtaktion wurde von vierzig Mann organisiert, die versuchten, eine Schaluppe zu entern, doch der Versuch scheiterte und alle wurden hingerichtet. Niemand konnte entkommen. Die Todesfälle erhöhten sich. Gras und Insekten, das war die einzige Nahrung der Gefangenen. Nichts wurde unternommen, um diesen Zustand zu beenden. Dabei kamen nach wie vor neue Gefangene an, nun aus Alicante, die nicht glauben konnten, was sie vorfanden.



Im Jahr 1812 wurde Alarm ge-schlagen und um die Freiheit der Gefangenen gebeten, doch die Behörden blieben unerbittlich. Nicht ein Franzose verließ Cabrera bis zum Mai 1814, nach Kriegsende. Insgesamt hat weniger als ein Viertel von ihnen überlebt.



Nach dem Krieg und um die Toten zu ehren, errichtete Frank-reich ein Denkmal, das noch regelmäßig von der französischen Marine besucht wird. Es ist die einzige Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der spanischen Geschichte: Cabrera war, laut dem Gelehrten Denis Smith, das erste Konzentrationslager überhaupt.


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